Wellen aus dem ComputerAugust 2017

Jochem Poensgen arbeitet seit Anfang der 90er Jahre mit Grafikprogrammen auf dem Computer, um Entwurfszeichnungen für Glasfenster zu gestalten. Bis dahin bestand eine gewisse Schwierigkeit, den Effekt von sich überlagernden Strukturen bei serieller Flächengestaltung „von Hand“ zu erzielen. Poensgen sieht in der computergestützten Gestaltung von Glasfenstern eine enorme Erweiterung seiner künstlerischen Möglichkeiten. Das neue Werkzeug verleiht den Kunstwerken einen „digitalen Stil“ mit eigener ästhetischer Charakteristik.
Das titellose Glasbild des Monats August von 2007 ist eine dieser Arbeiten. Die blau-weiße Struktur, die wellenartig in horizontalen Linien verläuft, wurde am Computer generiert. Entgegen der Vorstellung, ein am Computer erzeugtes Bild habe möglicherweise die Authentizität der künstlerischen Hand verloren, zeigt dieses Glasbild bei genauerer Betrachtung sehr wohl seine Individualität. Die klare Floatglasscheibe wurde von einer Seite mit blauer Schmelzfarbe bemalt und von der anderen Seite gesandstrahlt. Der blaue Farbauftrag wirkt glatt und glänzend mit unterschiedlich großen und verteilten dunklen Einschlüssen. Die mechanische Bearbeitung verleiht den gesandstrahlten Partien eine helle und matte Optik. In den Bereichen, wo beide Strukturen sich überlagern, entsteht eine neue Farbigkeit - und auch eine neue horizontal verlaufende Struktur, die beide Eigenschaften der Ursprungslinien in sich vereint. Im Wechsel verlaufen vertikal vier dünne Linien, welche die strukturierte Fläche nochmals senkrecht unterteilen. Diese senkrechten Linien entstanden durch je zwei Unterbrechungen der blauen und weißen waagerechten Linien.
Betrachtet man die Komposition fällt auf, dass die Strukturlinien nicht nur in sich wellenartig geformt sind, sondern auch durch die gesamte Menge an Linien eine Wellenbewegung zu erkennen ist. Am oberen und unteren Rand, sowie in der Mitte befindet sich je eine gerade Linie. Davon ausgehend werden die Linienstrukturen nach außen hin immer kräftiger. Von der Mitte aus nach oben hin gibt es eine Aufwärtsbewegung und umgekehrt nach unten auch.
Die blau-weiße Farbe und die Wellenbewegung erinnern an die Meeresgischt, wie der weiße Schaum auf dem Wasser tanzt. Aber auch eine Assoziation mit Musik oder einem Herzschlag kommt auf. Töne werden visuell lauter und leiser, höher oder tiefer. Ein auf- und abschwellender Rhythmus lässt die Linien vibrieren.
Das Glasbild erhält durch die überlagernden Strukturen und die beidseitige Bearbeitung einen dreidimensionalen Charakter, der zusätzlich noch durch den sichtbaren Hintergrund verstärkt wird. In diesem Zusammenhang wirken die Linienstrukturen ein wenig wie die Lamellen einer Jalousie. Auch einen kinetischen Effekt kann der Besucher beobachten: Beim Wechsel des Betrachtungswinkels verändern sich die Strukturen ebenfalls durch anders einfallendes Licht und die Bewegung des Hintergrundes.

Verfasst von: Susanne Lang M.A.