Glückliche ZufallsstrukturenSeptember 2017

Noch bis zum 15. Oktober ist die Sonderausstellung „Jochem Poensgen. Affinité/Wahlverwandt – Hinterglasmalerei und Glasbilder“ im Deutschen Glasmalerei-Museum Linnich zu sehen. Die Hinterglasbilder „22/2014“ und „23/2014“ schließen die Reihe an Werken dieses Künstlers für die Glasbilder des Monats ab. Sie gehören zu den seit 2013 vielfach entstandenen Hinterglasbildern, die sich in Machart und Wirkung völlig von den zuvor verwendeten Techniken des Künstlers unterscheiden. Jochem Poensgen bezeichnet die Arbeit an Hinterglasbildern als „terra incognita“: Unbekanntes Gebiet, Neuland.
Bei der Hinterglasmalerei wird die Rückseite einer klaren Glasplatte bemalt, jedoch wird das Bild später von vorne betrachtet. Poensgen ist fasziniert von der Möglichkeit des „Geschehenlassens von glücklichen Zufällen“ und reagiert nachträglich darauf.
Die Hinterglasmalerei bietet Jochem Poensgen zahlreiche kreative Möglichkeiten, die er seit 2013 ständig experimentell auslotet und sein Repertoire erweitert. Bei den Hinterglasbildern „22/2014“ und „23/2014“ presste der Künstler beispielsweise zwei zuvor pastos mit Farbe bemalte Glasscheiben aufeinander und löste sie dann wieder voneinander. Dabei lag „22/2014“ unten und „23/2014“ oben. Er erzielte dadurch organisch-vegetabil wirkende Zufallsstrukturen.
Die Farben Blau, Weiß und Schwarz bilden auf beiden vorgestellten Hinterglasbildern eine Art Kreisform, die an die Oberfläche von Wasser erinnert oder an einen wolkigen Himmel, in dessen Zentrum die dunklen Wolken aufreißen und dahinter strahlendes Blau zum Vorschein kommt. Darüber hinaus könnte man sich genauso einen Blick vom Weltraum aus auf einen Planeten vorstellen. Wie Satellitenaufnahmen von Meeren, Flüssen und Gebirgen wirken die blau-weißen Strukturen im Hinterglasbild „23/2014“, während die weißen Strukturen auf Hinterglasbild „22/2014“ wie Wolkenformationen aussehen, die über Gewässer und Erde hinweg ziehen.
Gelbe Farbeinschlüsse sind nur auf dem Hinterglasbild „23/2014“ haften geblieben. Das leuchtende Gelb hebt sich kontrastreich von den dunkleren Blau- und Schwarztönen ab und hat dadurch einen dynamischen und belebenden Charakter. Die ausgefransten Randbereiche und die kraterartige Beschaffenheit der Kreisformen auf beiden Bildern lassen auch an eine Explosion, gar an den Urknall denken. Eine gewaltige Kraft lässt den Kern bersten, Teile fliegen umher.
Alle Deutungsmöglichkeiten sind Ausdruck des unmittelbaren Gestaltungsprozesses: Die Hinterglasbilder zeigen eine Momentaufnahme. Die flüssige Farbe wird durch die Auflage einer weiteren Glasscheibe zum Stillstand gebracht.

Verfasst von: Susanne Lang M.A.